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Mehr ist mehr? Das Internet-Manifest

Da ja aktuell gefühlt jedes Blog das Internet-Manifest irgendwo dann doch verlinkt oder sogar komplett und kommentarlos “abdruckt”, hier nun ein wenig Senf dazu von meiner Seite.

Zur Zeit hat das Internet-Manifest, aufgestellt, verfasst und konzipiert von bekannten Internetgrößen wie Johnny Haeusler, Sascha Lobo, Stefan Niggemeier oder Mercedes Bunz, 17 Leitsätze. Sagt man das so im Zusammenhang mit einem Manifest? Keine Ahnung, vielleicht mal Lars von Trier fragen. Aber wir wollen ja nicht zu dogmatisch mit den Begrifflichkeiten umgehen.. Jedenfalls wird gerade eine Mitarbeit der Netz-Community an diesem Manifest angestrebt, wobei ich persönlich einen Diskurs über die verfassten Inhalte als wesentlich sinnvoller erachte.

Im Großen und Ganzen kann ich mich mit vielen der dort genannten Punkte und Forderungen identifizieren. Über einige Inhalte (die Verfasser bezeichnen diese ja als “Behauptungen”) kann man sich aber streiten.

Völlig einverstanden bin ich z.B. gleich mit dem 1. Punkt “Das Internet ist anders.“:

Es schafft andere Öffentlichkeiten, andere Austauschverhältnisse und andere Kulturtechniken. Die Medien müssen ihre Arbeitsweise der technologischen Realität anpassen, statt sie zu ignorieren oder zu bekämpfen. Sie haben die Pflicht, auf Basis der zur Verfügung stehenden Technik den bestmöglichen Journalismus zu entwickeln – das schließt neue journalistische Produkte und Methoden mit ein.

Ja, ja und nochmals ja! Das ist genauso wichtig wie richtig.

Probleme habe ich allerdings mit einigen Allgemeinplätzen, die das Manifest begründet. Beispiel gefällig?

11. Mehr ist mehr – es gibt kein Zuviel an Information.

Es waren einst Institutionen wie die Kirche, die der Macht den Vorrang vor individueller Informiertheit gaben und bei der Erfindung des Buchdrucks vor einer Flut unüberprüfter Information warnten. Auf der anderen Seite standen Pamphletisten, Enzyklopädisten und Journalisten, die bewiesen, dass mehr Informationen zu mehr Freiheit führen – sowohl für den Einzelnen wie auch für die Gesellschaft. Daran hat sich bis heute nichts geändert.

Ähmm.. Kurz gesagt: Nö! Es gibt sehr wohl ein Zuviel an Information – nämlich ein Zuviel an schlechter Information! Und dann auch noch mein Problem mit der Begrifflichkeit “Information”. Was definieren die Unterzeichner des Manifestes als “Information”? Einsen und Nullen? Reicht das schon als Information im digitalen Zeitalter? Rechtfertigt dies bereits ALLES an Information, das man sich so an Datenmüll aus dem Netz ziehen kann?

Geht es hierbei nur um die reine Übermittlung an Information mit der (berechtigten?) Hoffnung auf Selektion durch die “Guten”? Wenn man zuviel Müll auf den Menschen los lässt, muss man damit rechnen und später dann auch leben, dass dieser dann auch konsumiert wird. Wie selektiert man also? Es ist sicherlich ein heres Ziel, durch Qualitätsjournalismus die Spreu vom Weizen trennen zu wollen. Auf gute Information hinzuweisen, den Menschen diese näherbringen zu bringen. Aber nimmt denn der “Mensch an sich” (den es so ja nicht gibt) aus dem Wust der Informationen überhaupt noch das Nützliche, das Gute wahr?

Objektiv gesehen kann man Information ja nicht werten – das ist mir soweit bewusst. Information ist neutral, Du schreibst z.B. bei Twitter: “Heute morgen hatte ich festen Stuhl.” Das ist eine Information, kein Zweifel. Aber ist es eine Information, die man überhaupt haben MUSS? Und die in den Orbit schicken sollte? Okay, für den ein oder anderen Proktologen mag diese Äußerung durchaus von Wert sein, aber dies dann eher innerhalb seiner Praxis und wenn er seiner Arbeit nachgeht – und nicht auf Twitter.

Wenn es also kein wertbare Information gibt – warum bewerte ich zwischen “guter” und “schlechter” Information? Information ist per Definition zwar neutral. Dennoch liegt es in unserer kulturellen Vergangenheit und unseren Erfahrungen mit Medien, Informationen zumindest als brauchbar und interessant bzw. als unbrauchbar und uninteressant einzustufen. Zur Einschätzung von Information als “gehaltvoll” oder “irrelevant” bedarf es unsererseits bestimmter Erfahrungswerte. Dies sind zunächst der kulturelle Background oder auch das soziale Umfeld, in der sich der Konsument der Information aufhält oder bisher aufgehalten hat.

Problematisch wird es immer dann, wenn eine bestimmte Art der Information immer nur einen bestimmten Kulturkreis erreicht. Dann folgt nämlich das, was man eigentlich gar nicht will – eine Monokultur, erzeugt durch einseitigen Konsum von Information.

Angenommen man lässt nun jegliche Art der Information ungefiltert durch das Netz fließen – ohne redaktionelle Bearbeitung, ohne echte “Selektion” und Prüfung. Der Mensch ist in seiner Veranlagung nunmal nicht so gepolt, dass er gute Information sofort erkennt. Er zieht sich eben nur die Information, die ihm aus seiner kulturellen und sozialen Erfahrung heraus als relevant erscheint. Anders sind die Auflagenzahlen mancher Tageszeitungen nicht rationell zu erklären.

Journalismus hat meiner Meinung nach per se aber die Aufgabe, einer solchen Monokultur entgegen zu wirken, den Strom der Informationen verantwortungsvoll fließen zu lassen – und ihn zu steuern, und zwar in die richtige Richtung!

In den weiteren Punkten des Manifestes gehe ich mit den Verfassern konform. Auch wenn man natürlich die ein oder andere Personalie hierbei durchaus kritisch beäugen könnte. Aber wollen wir mal nicht so sein..

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